Handwerkzeugforum für Holzwerker

Letzlich ist alles nur Keil oder Säge!

Moin,

es gibt letzlich überhaupt keine idealen Schneiden, d.h. eigentlich sind alle realen Schneiden mikrospisch gesehen immer irgendwie zackig, wobei die Schneide dabei durchaus sehr schmal sein kann. Aber die realen
Schneidenkanten sind "weit" davon entfernt, eine perfekte gerade Linie zu sein, die als ideale eindimensionale Schnittlinie zwischen den beiden Ebenen der Spiegelfläche und der Fase gebildet wird.

Das Problem besteht halt darin, daß man eine gute Schneidkante nicht so ohne weiteres abbilden bzw. sehen kann. Deswegen neigt man dazu, sich eine eigene Vorstellung davon zu bilden, und die kann durchaus
unrealistisch ideal sein.

Ich empfehle daher jeden, der mit Werkzeugen zu tun hat, an die man selber eine Schneide anbringen muss, ein paar Minuten Zeit mitzubringen und dann die Webseite https://scienceofsharp.com/home/ zu besuchen. Dann einfach mal alle Artikel der Reihe nach anschauen und die Bilder wirken lassen. Und ich meine wirklich ausnahmslos alle Artikel. Das eine oder andere Aha-Erlebnis hilft enorm, die eigenen Vorstellungen geradezurücken. Daß der Autor Todd Simpson eigentlich aus dem Umfeld der Freunde der Naßrasierer zu kommen scheint, spielt für die Betrachtung der Mechanismen beim Erzeugen einer guten Schneidkante ganz sicher keine große Rolle.

Jede Schneide, die wir in einer Werkstatt selber angefertigt haben, ist in Wirklichkeit eine extrem feine Säge mit einem spitz nach unten zulaufenden Sägeblatt;-) Diese Schneiden setzen wir manchmal wie Keile ein und manchmal wie Messer. Die sägenden Wirkung der nichtperfekten Schneide kann man dabei sicherlich nicht einfach ignorieren. Aber ohne Zweifel würde auch eine perfekte Schneide eine extrem gute schneidende Wirkung haben, ganz ohne zusätzlichen "sägenden" Anteil. Die mikroskopischen Mechanismen wären aber nicht mehr dieselben. Der Vorgang des Schneidens mit realen Schneiden ist halt mikroskopisch durchaus ein komplexer Vorgang.

Ich habe mit dem Ausdruck "mikroskopisch sicherlich auch irgendwie sägend" also lediglich auf die mikroskopische Eigenschaft von realen Schneidkante hinweisen wollen. Und mit dem "ziehenden Schnitt" hat das letzlich durchaus etwas zu tun. Denn stellen wir uns mal einfach eine reale Schneide vor, mikroskopisch hier und da gezackt. Wenn man damit rein stossend hobelt (also ganz ohne Verdrehung des Hobeleisens), werden die Zacken sicherlich in keiner Weise hilfreich sein. Im Gegenteil könnte es sogar sein, daß einzelne Holzfasern dort blockieren und das Hobelerlebnis getrübt wird. Wobei es hier natürlich auch auf die Größenverhältnisse der Zacken im Vergleich zu den Holzfasern ankommt, wenn man es genau nehmen will.
Wenn man aber im Gegensatz dazu mit einer deutlichen Verdrehung und damit einem ausgeprägten ziehenden Schnitt hobelt, wird es sicherlich so sein, daß einzelne mikroskopisch kleine (und damit definitiv unsichtbaren) Zacken mit einer sägenden Wirkung eher helfen als schaden. Das wird sicherlich mit ein Grund sein, warum man mit einer sich langsam abstumpfenden Klinge und einem ziehenden Schnitt noch dort Erfolge verbuchen kann, wo das Stossen der Klinge bereits deutlich schwieriger geworden ist.

Und dann kommt noch der kleinere Schnittwinkel dazu, ist halt ein gutes Gesamtpaket der "ziehende Schnitt"!
Der Bewegungsanteil senkrecht zur Schneidenkante wirkt wie ein Keil und drückt dabei den Hobelspan nach vorne.
Der Bewegungsanteil entlang der Schneidenkante wirkt wie ein Messer und hilft die Holzfasern am Beginn des Spaltes zum Hobelspan zu durchtrennen, eine mikroskopische sägende Wirkung nicht ausgeschlossen.

Damit versteht man natürlich auch sofort, warum der "ziehende Schnitt" in einigen Fällen nicht unbedingt nötig ist (z.B. mit der Faser hobeln) und in anderen eine deutliche Verbesserung mit sich bringt (Schnitt senkrecht zu Fasern, z.B. Hirnholz).

Gruß

Carsten

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