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Reinhold Ege:

Verwendung und Schärfen des Stichels

Der Stichel

Stichel Einige Besucher meiner Seite mit der Halflong Pipe fragten mich nach den Spezialwerkzeugen, mit denen ich Knochen, Horn und Messing gedrechselt habe. Sie waren überrascht, dass es nur ein einziges Werkzeug war : der Stichel. Oder wie manche sagen, der Kreuzstichel. Ein altbewährtes und bekanntes Werkzeug, dem u.a. schon Spannagel eine halbe Seite widmete, allerdings sagte er nicht, wie man den Stichel anwendet. Das hat mir ein Werkzeugmacher gezeigt, kein Drechsler! Vor einigen Jahren wurde mit viel Werbegedöns versucht, den Stichel als ein Universalwerkzeug, das 9 Werkzeuge ersetzen sollte, aus England im deutschen Markt einzuführen. Das englische Werkzeug war für seinen Querschnitt allerdings viel zu lang und dadurch instabil. Hätte die Firma die 10mm-Version nur halb so lang gemacht, wäre der Erfolg sicher grösser gewesen. Die 6 mm Version ist wohl für Clowns gedacht.

Was kann der Stichel ?

Nun, der Stichel kann alle harten oder spröden Materialien schneidend, scherend und schabend bearbeiten und, richtig angewandt, eine hohe Oberflächengüte erzielen. Er bearbeitet Knochen, Horn, Zähne (Elfenbein), sehr altes, hartes Holz. Harte Kunststoffe aller Art, vor allem Bakelit, Delrin, alte Billardkugeln etc. Die meisten Nichteisenmetalle, also Messing, Kupfer, Zinn, weiche Bronze. Sogar weiches, ungehärtetes Eisen, z.B. dicke Nägel. Stahl sollte vorher weichgeglüht werden und ist trotzdem ein bisschen riskant. Ich habe auch schon Mineralien mit ihm gedrechselt, vor allem Speckstein und Alabaster gehen gut. Mit dem Stichel reguliere ich auch das Zentrum der Mitnehmerspitze, wenn sie Macken hat.

Herstellung eines Stichels

Nehmen Sie einen HSS-Plattenstahl oder ein anderes HSS-Tool z.B. ein Beading-Tool. Wichtig ist ein quadratischer Querschnitt von mindestens 10 X 10 mm, besser sind 12 X 12mm. Diese Werkzeuge kommen meistens bereits mit einem Griff versehen. Oder besorgen Sie sich im Fachhandel einen Drehstahlrohling für (Klein)-Drehbänke aus HSS mit quadratischem Querschnitt und ca 120 mm lang. (10 X 10 X 100 mm sind eine gängige Grösse - aber auch 12 X 12 X 120 bis 150 sind erhältlich). Diese Rohlinge sind sehr preiswert.

Fertigen Sie einen ca. 35 cm langen, etwas dicken und kräftigen Griff aus abgelagertem, rissefreien, harten und zähen Holz an; ich habe Ulme genommen; gut gelagerte, alte Hainbuche (Weissbuche) müsste auch gehen. Bohren Sie zentrisch und genau axial ein ca 35 mm tiefes Loch mit einem Durchmesser entsprechend der Kantenlänge des Rohlings (also 10 oder 12 mm); zentrieren Sie im Loch und drechseln Sie dann den Griff fertig. Als Zwinge habe ich ein Stück 3/4 Zoll Stahlrohr genommen und rotglühend aufgezogen (schnell abschrecken, aber dabei das Holz möglichst nicht nass machen!). Den quadratischen Querschnitt des Loches müssen Sie mit einem Stechbeitel sauber ausstemmen, er muss etwas unterdimensioniert sein und nach innen leicht konisch zulaufen, so dass Sie den Stahl einhämmern können (Stahl zwischen zwei Brettchen im Schraubstock kurz spannen und den Griff aufklopfen). Damit ist der Drehstahl fest eingesetzt und kann sich nicht lockern, obwohl er nur drei cm tief sitzt. Die Klingenlänge des Stichels ist damit zwischen 7 und 9 cm lang und das ist genau richtig. Den fertig gekauften Plattenstahl, der meist länger ist, sollten Sie auf ca 10 - 12 cm absägen, auch wenn das Herz blutet.

Der Anschliff des Stichels

Ich habe den Stichel auf dem Doppelschleifer grob vorgeschliffen. Zum Fertigschleifen und zum Nachschliff habe ich eine (Holz)Planscheibe mit 100er Nassschliffpapier beklebt. Ein (selbstgebauter) Schleiftisch für das Handauflagenunterteil wird benötigt und dann brauchen Sie noch eine Lehre aus einem Hartholzklotz von ca 5 x 5 x 5 cm Grösse. Schneiden Sie in den Klotz unter 45 Grad eine V-förmige Nut ein, in die die Klinge des Stichels eingelegt werden kann. Damit können Sie auf der Planscheibe den Stichel korrekt mit 45 Grad und symmetrisch feinschleifen. Kühlen Sie oft mit Wasser, denn auch HSS kann seine Härte verlieren, wenn es zu heiss wurde.

Anschliff des Stichels Die Form des Anschliffs ergibt sich aus der Zeichnung. Sie brauchen ein bisschen räumliches Vorstellungsvermögen, aber das ist beim Drechseln ohnehin unumgänglich notwendig. Das Werkzeug wird symmetrisch, aber schräg im Winkel von ungefähr 45 Grad abgeschnitten und dann geschärft. Es bildet sich eine lange und eine kurze Kante (Spitze) aus und zwei gleichlange (!!!) mittlere Kanten.

Wenn Sie genau auf die kurze Kante des Werkzeugs blicken, nicht auf die Seite, dann sehen Sie eine symmetrische Raute. Die Schneidenfläche (Fase) hat zur Längsachse einen Winkel von ungefähr 45 Grad.

Ich ziehe den Stichel mit einem 1000er Wasserstein auf der Fase ab und hone alle Seitenflächen mit einem 6000er Stein. Die kurze Kante kann ein bisschen gebrochen werden, dann hackt sie nicht in die Handauflage. Die anderen Kanten sollen scharfkantig bleiben, sie werden eventuell zum Schaben benötigt. Es ist empfehlenswert, die lange Kante im Spitzenbereich beidseitig als 90 Grad-Schabekante abzuziehen und fein zu honen.

Die Verwendung

Sie können mit dem Stichel zwischen den Spitzen (wie Langholz) und einseitig eingespannt (wie Querholz) drechseln.

Legen Sie den Stichel flach auf die Handauflage und stechen Sie mit der langen Spitze ein - so macht man feine Rillen als Verzierung. So kann man auch schräge Einstiche für den Einsatz mancher Spannzangen und Schalendrehfutter machen. Oder, ebenfalls flach aufliegend, nehmen Sie die oberen, langen Schneidekanten A und B zum schabenden Drechseln, durch den besonderen Anschliff ergibt sich der Freiwinkel auch für einen kräftigen Materialabtrag. Sie können beide langen Schneiden verwenden, je nach der Richtung, in die sie arbeiten.

Bei diesen Verwendungsmöglichkeiten soll die Schneide ungefähr auf der Höhe der Drehachse sein. Das Werkzeug wird waagrecht gehalten und der Griff seitlich geschwenkt. Das ist natürlich reines Schaben und die Späne sind kurz, die Oberfläche wird unter Umständen rauh.

Richtig spannend wird es, wenn Sie den Stichel zum schneidenden Drechseln einsetzen wollen. Versuchen Sie es einmal mit einem Stück weichen Messings oder einem sehr harten und dichten Holz (ein Zweig vom Buchsbaum?) oder einem Stück harten Plastiks. Wählen Sie die niedrigste Geschwindigkeit Ihrer Drechselbank, lockern Sie die Riemenspannung, damit ein Schlag nicht zu hart ausfällt. Die rautenförmige Fläche des Werkzeugs wird zur Fase und gleitet auf dem Werkstück. Der Schneidenangriffspunkt liegt dicht über der Drehachse, die Handauflage wird etwas tiefer eingestellt und der Handgriff nach unten genommen, so dass das Werkzeug schräg nach oben zeigt. Der Trick besteht darin, dass Sie den Auflagepunkt des Stichels auf der Handauflage beim Drechseln nicht verändern, sondern das Werkzeug durch achsiales Drehen des Griffes und ganz vorsichtiges Schwenken zum Eingriff bringen. Solange die Fase gleitet, erhalten Sie keinen Schlag.

Die Späne , selbst beim Metalldrechseln, werden ganz fein und lockig und sehr lang. Wie Wolle. Wichtig ist dieses gefühlvolle Drehen des Handgriffs. Ich kann es nicht beschreiben - Sie müssen das ausprobieren !

Sie können damit alle harten Materialien formen, auch konvexe Formen, mit gewissen Einschränkungen auch konkave Oberflächen. Sie können Messingrohre (für Werkzeugzwingen) abstechen, verzieren und die Kanten fein drehen. Sie können Knochen drechseln. Ich habe auf diese Weise mal das Rohr einer Modellkanone aus massivem Messing gedrechselt.

Der scherende Materialabtrag mit dem Stichel funktioniert ebenfalls ganz gut. Die Fase gleitet dabei nicht. Die Schneide liegt tangential (schräg) zum Material. Sie können grosse Mengen Material in kurzer Zeit entfernen, allerdings ist dies riskant, braucht Kraft und Gefühl und sollte erst versucht werden, wenn der Umgang mit dem Stichel geübt ist. Da habe ich mir schon einige Schläge eingefangen!

Ich weiss nicht, ob der Stichel neun andere Werkzeuge ersetzen kann, wie in der Werbung behauptet wird, aber er ist jedenfalls ein ausserordentlich vielseitiges Werkzeug, ohne das ich meine Dudelsäcke nicht bauen könnte. Leider braucht man Übung und Zeit, bis man den Stichel sicher beherrscht.

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